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Razzia am Heldenplatz

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  Auf den Grünflächen am Helden- bzw. Ballhausplatz ist im Sommer was los. Dort wird Fußball gespielt, Hunde aller Größen rennen über die Wiese, die dazugehörigen Menschen und viele andere sitzen auf den Parkbänken und liegen im Gras oder gehen rundherum spazieren. So war es auch am 19. August 2004. Und weil das ein Donnerstag war, gab es natürlich eine Widerstandslesung. Es war kurz nach 18 Uhr, Marius Gabriel las gerade neben dem Taferl "Gegen die Beteiligung einer rassistischen Partei an der Regierung" einen Text, der von rassistischen Polizeiübergriffen handelt, als plötzlich zehn Wega-Polizisten den Rasen betraten und zielstrebig auf die dort liegenden oder sitzenden Menschen schwarzer (oder was ein Wiener Polizist dafür hält) Hautfarbe zugingen. Mit Händeklatschen und eindeutigen Gesten, ohne jede Höflichkeit, wurden die Schwarzen - und nur die Schwarzen - zusammengetrieben. Auf der anderen Seite hatten derweil diverse Polizeiautos der gewöhnlichen Streifenhörnchen und mit Hunden bewaffnete PolizistInnen Aufstellung genommen; eine Flucht war also unmöglich. Ungefähr zehn Menschen dunkler Hautfarbe wurden so zusammengetrieben. Wir, LeserInnen und Publikum der 255. Widerstandslesung, gingen hin und mischten uns ein, fragten, warum die Leute hier belästigt werden, warum nur Schwarze usw. Die Polizei wollte uns vertreiben, drohte, auch wir (Weißen) müßten uns ausweisen. Als wir unsere Ausweise anboten, weil es nicht angehen kann, daß nur Schwarze sekiert werden, ließen sie uns in Ruhe. Wir waren mittlerweile soviele, daß sie uns nicht mehr einzeln wegtreiben oder als Dummerln hinstellen konnten. Unsere Anwesenheit bewirkte zumindest, daß den Polizisten, uniformierten ebenso wie zivilen, wieder einfiel, wie sie Menschen anzureden haben, jedenfalls nicht mit "geh weida doda", nein, plötzlich konnten sie zu den Schwarzen wieder "Sie" sagen. Der Einsatzleiter mit den goldenen Streifen und der angeblichen Dienstnummer 21 erklärte uns, wir wären nicht betroffen, das ganze ginge uns nichts an, wir sollten doch weitergehen. Wir alle, mittlerweile an die zwanzig Leute, erklärten uns für betroffen, weil wir in einer Gesellschaft ohne Rassismus leben wollen. "Die sind wegen Drogen angezeigt", wurde uns erklärt, "da gibt es soviele Anzeigen, denen wir nachgehen müssen." Die ganze Amtshandlung dauerte ca. eine Stunde. Währendessen wurde am Platz der Widerstandslesung über Megaphon durchgesagt, daß gerade eine rassistische Polizeirazzia läuft, und einer von uns berichtete mehrmals live in "Radio Orange". Das für die Polizei anscheinend enttäuschende, von uns erwartete, Resultat: Alle negativ; das heißt, es wurden bei keinem einzigen Drogen gefunden. Ein Afrikaner mußte zur angeblichen Überprüfung seines Meldezettels mitgehen; natürlich ging auch jemand von uns mit. Plötzlich fing ein junger dunkelhäutige Mann zu schreien an, weil er es nicht mehr aushalte, ständig kontrolliert zu werden. "Den mochma",sagte der Polizist Nr. 21, und lief mit ein paar anderen in Richtung der Schwarzen, die sich auf einer Parkbank versammelt hatten. "Was heißt, den mochma", fragte ich - und bekam natürlich keine Antwort. Ein anderer Polizist wollte einem zweiten Mann, der sich mittlerweile auch lautstark über die rassistische Behandlung beschwerte, eine Strafe verpassen. Aber wir waren wieder rechtzeitig dort und verhinderten, daß es Strafen gab oder daß einer "gmocht" wurde. Eine Razzia dieser Art gab es am Heldenplatz auch schon am Montag; somit zweimal in der Woche.

Der Mann, dessen Meldezettel überprüft werden sollte, mußte nocheinmal ungefähr eine Stunde warten. Fünf Polizisten saßen derweil herum und hatten anscheinend nichts zu tun, als eben da zu sein. Wir versammelten uns bei ihm - und es kamen wieder Leute dazu, weil es jeden Donnerstag um 20 Uhr am Ballhausplatz den "speakers corner" zu aktuellen politischen Themen gibt. Zwei weitere Polizisten, die angeblich den Meldezettel überprüfen waren, darunter die goldige Nr. 21, kamen zurück. Der Mann muß mit aufs Kommissariat eins, hieß es da, er wird abgeschoben. Uns hat er erzählt, daß er schon fünf Jahre in Österreich sei. Aber möglicherweise muß er einfach als "Erfolg" für eine ansonsten erfolglose Polizeiaktion mit mindestens zwanzig beteiligten PolizistInnen herhalten, weil eine so aufwendige Aktion nicht erfolglos enden darf ...

Diesmal war das Thema des "speakers corners" aus aktuellem Anlaß die soeben stattgefundene Razzia und andere rassistische Übergriffe der Polizei. Wir konnten noch einige Leute, darunter einen Anwalt, organisieren, die sich um den Festgenommen kümmern werden. Dann gab es nach langer Zeit zum erstenmal wieder eine kleine Donnerstagsdemo zum Innenministerium.

Was besonders auffiel: Die Polizei scheint ihre rassistische Eingreiftruppe mittlerweile besser zu schulen, das heißt freilich nicht, daß auch nur einer einen zusammenhängenden Satz auf englisch herausgebracht hätte, nein, das heißt, daß - obwohl der rassistische Charakter der Razzia augenscheinlich war -, kein einziges Mal das Wort "Neger" oder etwas ähnlich rassistisches gebraucht wurde. Vielleicht lag das auch an unserer Einmischung. Viele (weiße) Leute, die in der Wiese lagen, meinten auf unsere Fragen hin, sie hätten von der ganzen Aktion nichts mitgekriegt ...

Übrigens starb am selben Tag ein nigerianischer Häftling in Stein, nachdem ihm eine Beruhigungsspritze verabreicht wurde ...


Zuerst erschienen: www.awadalla.at, 23.8.2004